Reiches Land - arme Bürger

Es geht uns so gut wie noch nie. Zumindest, wenn man den offiziellen Verlautbarungen aus Politik und Medien vertraut. Die nackten Zahlen, die wir im Zuge des Streits um die Grundsicherung geprüft haben, sprechen eine andere Sprache. Wir sind der arme Mann Europas.

Ein Kommentar von Martin Rossol

(03.07.2018) Man muss es zweimal lesen, um es glauben zu können: Innerhalb der EU-Länder ist Deutschland der arme Mann des Kontinents. Der Median des geldwerten Vermögens liegt in Deutschland bei 47.000 Euro. Schon im krisengebeutelten Griechenland sind es 55.000 Euro, die Franzosen (120.000) und Italiener (125.000) besitzen weit mehr als doppelt so viel wie die Deutschen. 40 Prozent der Deutschen besitzen faktisch nichts.

Beim Armutsrisiko auf Platz 1

Das Armutsrisiko unter Arbeitslosen liegt, einem Bericht des EU-Statistikamts Eurostat zufolge, hierzulande bei erschreckenden 70,8 Prozent und damit so hoch wie in keinem anderen Land der Europäischen Union. Auf Platz 2 folgt Litauen, allerdings bereits mit erheblichem Abstand. Deutschland, Exportweltmeister, bei Steuern und Abgaben weltspitze, ist das Land mit dem größten Niedriglohnsektor in Europa. Es gönnt einem Arbeiter der 45 Jahre zum Mindestlohn gearbeitet hat 626 Euro Rente und überlegt, ob das Rentenalter auf 69 Jahre angehoben werden kann. Die mittlere Lebenserwartung eines Arbeiters beträgt übrigens 70 Jahre.

Armuts-Insider Spahn gibt Auskunft

Gesundheitsminister Jens Spahn, wir haben darauf gewartet, meldet sich zu Wort: Die zunehmende Schar der Rentner, die Nachts nach Pfandflaschen sucht, könne man nicht arm nennen, weiß der Armuts-Insider. Bereits nach vierjähriger Amtszeit bekommt der Minister eine Pension in Höhe von 4.200 Euro. Mit 60 Jahren. Und ohne Beiträge zu zahlen. Dafür sollte er eigentlich die Interessen der Bürger vertreten.

Die Bürger verlassen

Die Volksparteien haben die Bürger verlassen. An anderer Stelle sitzt das Portemonnaie recht locker: Hunderte Milliarden für zockende Banken, für unersättliche EU-Haushalte, neuerdings für Frankreichs Pensionäre, die mit 60 in den Ruhestand gehen, oder, um unschöne Bilder zu vermeiden, bei der illegalen Einwanderung. Hier gelte es, "der Welt ein freundliches Gesicht zu zeigen." Und dem eigenen Bürger die neoliberale Fratze.

Keine Hunde, aber viele Menschen

Manchmal hilft der ungetrübte Blick von außen: "Hier leben keine Hunde auf der Straße, aber soviele Menschen. Das gibt es bei uns nicht", sagt ein Mann aus Syrien. Nun, so der Wille des zuständigen Bundesministeriums, sollen den Teilnehmern des Berufsbildungsbereichs selbst die Leistungen der Grundsicherung verwehrt bleiben.

Quellenangaben:

Credit Suisse Research Institute: Deutschland ist der arme Mann des Kontinents

DIW: 40 Prozent besitzen faktisch nichts

Eurostat: Beim Armutsrisiko ist Deutschland auf Platz 1

Tagesschau: Die Lebenserwartung beträgt 70 Jahre

rbb: Jedes vierte Kind in Deutschland lebt in Armut

Statistisches Bundesamt: Jeder Dritte stößt bei kaputter Waschmaschine an seine Grenzen

Kaschierte Armut: Ob die Klamotte aus der Kleiderkammer ist, oder das Pausenbrot von der Tafel, sehen wir nicht. Fakt ist: Jedes vierte Kind in Deutschland lebt in Armut. (Foto: pixabay)